Grootmord

Der Tag nach dem Chaos

Hallo und herzlich willkommen zurück!
Ein weiteres Kapitel hat sich selbstständig gemacht.
Viel Spaß beim Lesen!

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Ich schlürfte die letzten Tropfen meines geliebten Kakao-Cappuccinos und schmiss den Starbucks Becher in den nächst gelegenen Mülleimer. Dass ich getroffen hatte, war das einzige Hoch an diesem schrecklichen Dienstag. Genervt öffnete ich die schwere Fabriktür und das Allererste, was mir entgegen schlug, war dieser üble, stechende Geruch. Ich hatte das Gefühl, dass mir die Riechnerven weggeätzt wurden. Krachend fiel die Tür wieder ins Schloss und ich blickte mich in der weitläufigen Halle um. Alles modrig, rostig – wie ein Relikt aus dem 18. Jahrhundert. Der Gestank vermischte sich mit der feuchten Kälte und kletterte durch meine Jeans an mir hoch. Mächtige Stahlbögen stemmten die Hallendecke, wie ein Bodybuilder, der unter seinem Gewicht stöhnte. Mitten im Raum, neben einer Pfütze, hockte Alexis vor seinen Labortisch, auf dem er akribisch seine Experimente aufgebaut hatte. Ein überdimensionaler Laborkittel vereinnahmte seine schmächtige Figur. Mein Stiefelklackern ließ ihn zusammenzucken. „Alter, Tiger! Du erschreckst mich jedes Mal“, brach es aus ihm heraus, während seine Schutzbrille ihm von der Nase rutsche, so dass er sie fahrig mit seinen Handknochen wieder hochschob. „Und ich hasse diesen Namen immer noch!“, fauchte ich und machte damit meinem Spitznamen alle Ehre. Dieses Mal überging er diesen Kommentar einfach. „Wie ist es gelaufen?“, flüsterte er, als würde die NSA diese gottverlassende Fabrik belauschen. „Ich will nicht darüber reden!“, meinte ich und fegte die Frage mit einer Handbewegung beiseite- „War nicht mein Tag.“

Dabei hatte alles so gut angefangen! Doch bevor ich weiter zu grübeln anfing, durchbohrte der chemische Geruch erneut die Nase. „Alexis! Was ist das für ein Zeugs?“ Der Kanadier blickte auf, was extrem komisch mit dieser blauen, ausufernden Schutzbrille aussah, und seine Augen begannen, wie die Brühe in seinen Reagenzgläsern, hinter der Brillenscheibe zu funkeln. „Siehst du das hier?“, fragte er geheimnisvoll und schüttelte ein Reagenzglas in dem eine lilafarbene Brühe schwamm. Misstrauisch hob ich eine Augenbraue. Alexis fischte aufgeregt eine Pipette aus seiner Laborkitteltasche und tröpfelte ein paar lilafarbene Tropfen in ein weiteres Becherglas. Er senkte die Stimme, um den nicht wirklich spannenden Moment noch ein bisschen hinauszuzögern. „Das wird eine Schuhseife!“, raunte er. Ich nickte spöttisch: „Aha.“
Alexis lächelte mich unbeirrt an. Ich blockte ab und ließ mich auf seinen Schreibtischstuhl fallen, den wir kürzlich aus dem Sperrmüll erobert und ein bisschen aufgepimpt hatten. Zweimal drehte ich auf dem Stuhl umher, als ob ich damit meine Denkleistung beschleunigen könnte, bevor meine Stiefelhacken Bremsspuren in den staubigen Betonboden kratzen. Dieser Junge war durchgeknallt. „Du hast was? Schuhseife? Deine neue Marktlücke? Sag mal, sorry Chemiegenie, aber du hältst dich wohl für Donald Trump oder so. Klar, mein Daddy-Darling arbeitet in einer Schuhlackindustrie, aber komme niemals, NIEMALS! auf den Gedanken, dass er deine Schuhseife produzieren würde. Du kennst ihn doch!“ Alexis strich sich eine fettige Strähne aus den Augen und blickte mich flehend an. „Komm schon, Tiger! Nur dieses eine Mal! Ich nehme auch die ganze Verantwortung auf mich und…“ Ich schnitt ihm eiskalt das Wort ab. „Vergiss es, Nerd!“ Alexis seufzte laut und spülte seine Pipette in einem kupferfarbenen Waschbecken ab, dessen Wasserhahn so grün war, dass ich mich immer wieder wunderte, warum da keine schleimige Froschbrühe herausblubberte.

„Die Schuhseife ist aber wirklich abgefahren. Statt fettiger Creme kann man seine Lackschuhe einfach einseifen und es ist auch viel umweltfreundlicher, günstiger …“ Ich lachte höhnisch, dass die Wände gespenstisch hallten.. „Wirklich, Alexis? Wirklich?! Du redest davon, dass etwas viel umweltfreundlicher ist, und am Tag zuvor verkaufst du mir noch gewisse Dinge, die alles andere als legal und umweltfreundlich sind?“ Er schluckte trocken und seine Hände zitterten leicht. Dass er vor mir mehr Angst als Bewunderung hatte, war ja nichts Neues. Geschmeichelt lehnte ich mich zurück und wartete auf seine Erklärung, während ich betont lässig in meiner Jeanstasche nach einem Streifen Kaugummi kramte. Ein halber Strohhalm, ein kleiner Zettel auf dem „WICHTIG! Freitag, 13 h in der Aula!“ stand und – endlich – ein Streifen Cherrykaugummi. Abwartend schmiss ich das Kaugummi hoch und schnappte es mit dem Mund. Alexis‘ Hände pfriemelten währenddessen an einem öligen Tuch. „Sorry, doch ich glaube, das war wirklich falsch von mir. Ich steig‘ aus….. aaaah, aber bitte sei mir nicht böse. Wir sind doch Freunde, Tiger?“, druckste er. Mein schmatzendes Kaugummi machte ihn ziemlich nervös. „Alexis – wir sind Freunde. Die ganze Sache ist mir echt wichtig, okay?! Mein Plan war so perfekt, aber anscheinend interessiert sich niemand dafür und ich bin noch am Anfang.“ Alexis fuhr sich erleichtert mit der Hand durch die Haare, wobei er seinen Haaren einen schwarzen Anstrich verlieh. „Wie wäre es mit einem Pakt?!“, forderte ich ihn heraus und drehte mich erneut auf dem Schreibtischstuhl.

„Schieß los!“
Meine Kaugummiblase platzte und dieses eine Mal war ich es, die lächelnd eine bedeutungsschwangere Kunstpause machte. Mir machte das hier eindeutig zu viel Spaß.
„Ich überrede meinen Vater, sich dein Produkt mal anzugucken und zu testen und vielleicht findet er deine unnatürliche Begabung zur Chemie genauso „toll“ wie ich und übernimmt deine „Schuhseife“. Kleiner Tipp: Das ist ja ein ätzender Name für ein Produkt!
Und du kannst ja nochmal überlegen, wie man meinen Spezialauftrag herstellt!“
„Aber…!“, stammelte er und für einen kurzen Moment sah es so aus, als würde er in den viel zu verspäteten Stimmbruch kommen, da seine Stimme so quietschte wie Frau Alms Kreide auf der Tafel. Übertrieben entsetzt riss ich die Augen weit auf. „Aber Alexis! Was denkst du denn von mir? Ein Unmensch bin ich nicht!“

Aber ein verdammt guter Schauspieler, wie es scheint. Ich schien mir innerlich selbst zuzuzwinkern.
„Ich überleg‘s mir.“
„Supi! Freu mich schon auf unsere Kooperation, Partner! Sorry, echt, aber ich muss los, schließlich habe ich noch Unmassen an Hausaufgaben. Besonders Deutsch macht mir zu schaffen, du weißt ja! Hoffentlich schaffe ich es überhaupt noch, meinen Vater wegen deiner Sache zu fragen!“ seufzte ich fake. Ächzend knarrte die Fabriktür und ich konnte endlich diesem grausamen Chemiegestank und diesem Professorwesen entkommen.
Alexis, der mit seinem XXL-Laborkittel, dem öligem Haar und mit einem verzweifelten Blick ziemlich verloren in seinem geheimen Forschungszentrum mit dem wunderschönem Namen ‚Bruchbude: alte Fabrik‘ stand, atmete schwer, wie so oft an diesem Scheißdienstag, und hielt mich zurück.

„Weißt du was, Tiger, ich kann dir die Deutschhausaufgaben ja machen, habe sowieso nicht mehr so viel zu tun“, murmelte er.
„Das würdest du machen? Das ist ja perfekt, danke, danke, danke!“ rief ich überschwänglich. „Dann frage ich Papa gleich, wenn ich zu Hause bin!“
Und es tat mir nicht einmal Leid.
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