Grootmord

Liev

„Hey Liev!“, rief Kasper ihr zu, „hast du vielleicht eine Minute?“
Unverzüglich ließ Liev ihr Handy in die lederne Jackentasche verschwinden. „Klar, warum nicht?“
Kasper kramte einen Block aus seiner Tasche und Carissa verdrehte innerlich die Augen. Wenn schon Detektiv, dann aber richtig, oder wie?!
„Ihr seid Kasper und Clarissa, richtig? Die Freunde von… Monja.“ Überrascht hob Kasper die Augenbrauen. „Ja, richtig“, meinte Carissa, „nur werde ich ohne das L geschrieben. Warum?“
Liev knetete nervös ihre Hände.
„Der Fall von Monja lässt mich einfach nicht los. Da schlägt mein Journalistenherz. Ich habe ein bisschen über sie recherchiert. Ich muss unbedingt wissen, wer sie vergiftet hat.“ Sie lächelte den beiden aufmunternd zu.
Warum wollte sie das unbedingt herausfinden?, fragte sich Carissa. „Aha“, murmelte Kasper nur, anscheinend genauso skeptisch wie seine Freundin.
Liev runzelte die Stirn und fuhr sich durch die blonde Mähne.
„Es interessiert mich einfach“, murmelte sie, „Es… ich muss es einfach wissen.“
Am liebsten hätte Kasper einfach nur trocken aufgelacht, wie die Agenten aus den Filmkrimis, die er so gerne sah. Aber bei ihm wirkte das einfach nicht cool.
„Und es hat nicht zufällig was mit dem Journalistenpreis der „Welt“ zu tun?“, wollte er stattdessen neugierig wissen.
„Bitte was?“ Liev kochte innerlich vor Wut. Wie konnte man IHR nur so auf dem Zahn fühlen?!
„Naja“, sprang nun auch Carissa ein, „wenn du herausfindest, warum Monja vergiftet worden ist und das publik machst, hast du den Preis auf jeden Fall sicher.“
Unruhig wippte Liev mit dem Stiefel.
„Ich bitte dich! Ich habe genug Ideen für einen Artikel. Und ja, – jetzt wo du es sagst – wäre es natürlich auch spannend, einen Enthüllungsartikel zu schreiben. Aber ich interessiere mich wirklich für Monjas „Unfall“. Wir sind uns doch alle einig, dass das kein Unfall war! Ich würde euch wirklich gerne helfen, denn zu dritt finden wir wahrscheinlich mehr als in zwei Gruppen, die dann alles doppelt suchen, oder?“
Nach ein paar Sekunden nickte Carissa. Sie war überzeugt, dass Liev eine Bereicherung für ihr kleines Team war. Oh, man! Das wäre so spannend, wenn es nur nicht so ernst wäre!  „Gut“, meinte Liev und lächelte, „dann schlage ich vor, wir besuchen den Tatort. Die Studiobühne. Zwar heißen wir nicht Nick Tschiller, aber Til Schweiger konnte ich sowieso noch nie leiden!“ Carissa lachte laut und die drei machten sich zur Studiobühne auf. „Den mag ich auch nicht. Hast du den Kinofilm vom Tatort gesehen? Wie heißt der noch gleich?“
Liev ließ die quasselnde Carissa gedanklich alleine und konzentrierte sich nur auf die Studiobühne. Ganz leise öffnete sie die Tür, was sie sich auch sparen hätte können, da Carissa ihren Wasserfall an Worten immer noch nicht trocken gelegt hatte.
Sie sah sich um. Kein Lehrer in Sicht, auch keine anderen Schüler. Nur eine quatschende Carissa und ein in Gedanken versunkender Kasper. Gut. Sehr gut sogar! Sie ignorierten die Absperrbänder und krochen schnell unterdurch.
Ein etwas genervter Kasper machte sich auf den Weg zur Bühne. Was sollte das Gequatsche über Tatort?, fragte er sich, wir haben Wichtigeres zu tun! 
In der letzten Reihe blieb er stehen und sah plötzlich zwei Gestalten mit verschränkten Armen hinter dem roten Bühnenvorhang. Den Uniformen nach waren es Polizisten. Natürlich! Warum hatte er nicht daran gedacht? Innerlich machte sich Wut über ihn selbst breit.
„Hey! Kinder, hier ist alles abgesperrt, seid ihr blind? Hier könnt ihr nicht 5 Freunde spielen!“, rief der eine, ein recht kleiner Mann und fuhr sich durch die hochgegelten Haare. Seine blonde Begleiterin, die lustiger Weise einen Kopf größer war, kicherte und zwinkerte ihn durch ihre maskaraüberladenen Augen zu. „Oder die drei ???“, schnatterte sie und fand sich dabei besonders lustig. Liev schlenderte betont lässig die Stufen herab und hielt dem schmierigem Polizisten eine Karte unter die Nase. „Schülerzeitung. Dies ist unsere Erlaubnis!“, prahlte sie und der Polizist guckte ziemlich doof.
„Na gut“, sagte er zögerlich, „aber berührt bitte nichts!“ Verwirrt zupfte sich die Hilfspolizistin eine glänzende Haarsträhne aus dem Gesicht und präsentierte ihre perfekt manikürten Fingernägel. „Aber Ralf! Sergej wird ausrasten, wenn er hört, dass sich Schüler in unseren Fall einmischen und du weißt, dass das meine letzte Chance ist, nach dem das mit Jürgen und mir rauskam!“ Sie wurde ein bisschen rot unter überschminktem Gesicht und berichtigte sich stotternd. „Ich habe aber mit Jürgen abgeschlossen, das musst du mir wirklich glauben Ralf. Wenn…“ – „Ist gut!“, unterbrach er sie, „wir lassen die Kids hier recherchieren und wenn sie was Brauchbares finden, geben wir es als unseres aus! Das nennt man effektiv arbeiten!“ Er flüsterte, damit die drei ihn nicht hören konnten. Liev steckte währenddessen ihre Karte wieder ein.
Kasper sah Liev stirnrunzelnd an. „Was war denn das?“
„Ach, das gefälschte Ding trage ich seit Jahren mit mir rum. Ob Polizist oder Lehrer – sie glauben mir jedes Mal und ich habe Zugriff auf solche Fälle.“
Auch Carissa war ein bisschen unwohl bei der Sache und das merkte Liev natürlich sofort. „Carissa, die sind nun wirklich nicht die hellsten Kerzen auf dem Kuchen! Wir finden schon was!“ Kasper war überzeugt. Mit den zwei Spaßvögeln, die auch noch Polizisten sein sollten, würde Monjas Fall nie aufgeklärt werden! Demnach ließ er das Thema einfach fallen und konzentrierte sich auf die Tatsachen. „Als erstes frage ich mich: Wo oder mit was hat man Monja vergiftet. Das steht nämlich immer noch nicht fest!“
Einstimmig mit dieser Idee durchstöberten sie den hinteren Bereich der Bühne. Carissa fand die zwei Masken, Sonne und Mond, die auf der Aufführung getragen wurden, und rief ihre beiden Kollegen zu sich.
Derweil zankten sich die beiden Polizisten. „Ich glaub es einfach nicht! Du hattest was mit meinem Bruder?“ – „Nei… Ja, schon, aber…“ – „Du? War-Warum?“ Sie blickte mit wässrigen Augen auf ihren Kollegen hinab. „Es war aus Versehen!“, jammerte sie flehend.
Zum Glück war Carissa viel zu beschäftigt, um sich auf dieses Niveau herunter zulassen.
„Diese Maske hatte Monja bei der Aufführung getragen“, sie hielt die Mondmaske hoch, „ist sie nicht wunderschön? Ein Typ aus der Zwölften hatte sie angefertigt. Hendrik oder so…“ Liev nickte zustimmend, sah sich dann aber weiter im Raum um. „Die Maske hält uns nur von unseren Ermittlungen ab. Lasst uns weiter gucken. Wir suchen… keine Ahnung. Vielleicht ein Glas, ein Plastiktütchen oder irgendwas mit dem Gift geschmuggelt werden konnte. Enttäuscht legte Carissa die Masken wieder auf den kleinen Hocker hinter der Bühne. Irgendwas musste doch zu finden sein!
Fünf Minuten später fand Liev tatsächlich ein Glas mit Resten einer orangefarbenen Flüssigkeit. „Könnte Orangensaft sein“, mutmaßte Carissa. Liev grinste nur frech. „Oder auch irgendeine andere Substanz.“ Liev packte eine durchsichtige Plastiktüte und einen kleinen Spatel aus ihrer Tasche. Mit großen Augen starrte Carissa darauf. „Warum hast du das denn bitte dabei?“ Vorsichtig spachtelte Liev ein bisschen des festgewordenen Saftes in die Tüte, verschloss sie gut und steckte sie wieder fein säuberlich in ihre schwarze Tasche. „Anscheinend schlägt nicht nur das Journalistenherz, sondern auch das eines Chemiecracks. Ich bin wohl ein kleiner Nerd.“ Das hätte man bei ihren Klamotten eher weniger erwartet!, dachte Carissa, obwohl man es vielleicht an den Haaren hätte sehen können. Ein eher experimenteller Fliederton. „Ich untersuche das mal in meinem Labor. Mein recht improvisiertes Labor“, erklärte Liev, „solange suchen wir nach irgendwelchen Hinterlassenschaften des Täters, okay?“ Carissa zweifelte ein bisschen daran, dass die drei überhaupt noch was fanden. Apropos wir drei, wo war Kasper überhaupt abgeblieben? Carissa fand ihn mit der Mondmaske immer noch hinter der Bühne. „Hey“, murmelte sie, „hilfst du uns nach Indizien des Täters suchen? Anscheinend sind wir wirklich irgendwie Detektive. Wir sollten uns Die fantastischen Drei vom Grootmoor nennen!“ Ein kleines Lächeln stahl sich in Kaspers mürrische Miene. „Bloß nicht! Das ist ein schrecklich unkreativer Name!“
Die beiden sahen herab auf die Mondmaske in Kaspers Händen. „Was ist damit?“, wollte Carissa verwundert wissen, doch Kasper zuckte nur ratlos mit den Schultern. „Ich habe das Gefühl irgendein sehr wichtiges Puzzleteil zu übersehen. Ach, keine Ahnung!“ Er seufzte resigniert. „Ich weiß. Es ist so verwirrend! Ohne Monja … ach, keine Ahnung. Ich hoffe so sehr, dass sie schnell wieder gesund wird und solange verbiete ich mir jeden Gedanken in diese Richtung. Ich habe die letzten drei Tage schon die ganze Zeit grübeln und verzweifeln müssen, aber damit ist jetzt Schluss! Wir haben die Chance Monjas Täter zu finden und Liev ist uns glaube ich dabei eine wirklich große Hilfe. Komm, wir schauen uns weiter um, okay?“ Ein bisschen gerührt war Carissa nach dieser Ansprache dann schon. Sie lächelte.
„Okay.“
Gedankenverloren drehte Kasper die Mondmaske in den Händen. „Am besten ist es, wenn…“ Doch Kasper wurde von Carissas erschrockenem Aufschrei unterbrochen. Sie riss ihm die Maske aus der Hand und sprang auf. „Sieh dir das an!“ Ihre Augen wurden groß wie die Untertassen eines Engländers. Kasper starrte sie an. „Was ist denn?“, wollte er überrumpelt wissen. Ohne große Worte drehte Carissa die Maske zu ihm.
Das war… Das ist das Gift!

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